Kann man Vitamine überdosieren?
Kehrtwende der DGE zu Obergrenzen. Indirekter Schuss vor den Bug der deutschen Behörde.
Eine der wichtigsten Kundenfragen ist immer: „Kann ich die Vitamine mit diesem Produkt überdosieren?" Dahinter steht die Angst, die sowohl Zeitungen, aber in erster Linie auch die Beamten des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) ohne Unterlaß verbreiten. Erst vergangenes Jahr verwendete das Magazin Ökotest die engen Grenzwerte des BfR, um Dutzende Vitaminprodukte durch den Test rasseln zu lassen. „Nahrungsergänzungsmittel sind leicht überzudosieren und potentiell gefährlich" schrieb Ökotest (Heft 2/2008). Mit allen möglichen zusätzlichen „Gefahrenmeldungen" und „gesundheitsschädigenden Wirkungen" werden die Verbraucher verunsichert, da der Test im Internet kursiert.
DGE öffnet sich Europa
Um Ihre deutschen „Schäflein" zu beschützen, ziehen die Beamten des BfR absurd enge
Obergrenzen für die zusätzliche Vitaminzufuhr durch Nahrungsergänzungsmittel. Diese sind ein deutscher Alleingang. Die Chancen sind gering, dass sich die BfRHardliner in der EU durchsetzen.
Betrachtet man die Obergrenzen der European Food Safety Authority (EFSA), die von einem international besetzten Expertengremium ausgearbeitet wurden, zeigt sich besonders deutlich, wie
eng(-stirnig) die Werte der deutschen Behörde sind.
Nun bekommen die Beamten der Behörde indirekt einen Schuss vor den Bug und das ausgerechnet von der konservativen Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Die DGE und die wissenschaftlichen
Fachgesellschaften Österreichs und der Schweiz erstellen die D-A-CH-Referenzwerte. Hierin wird z.B. festgelegt, wie viel Vitamine als Minimalbedarf zugeführt werden sollten. Zum ersten Mal werden
hier nun auch die europäischen Obergrenzen für die Vitamingesamtzufuhr der EFSA mit aufgenommen! Gesamtzufuhr bedeutet aus Lebensmitteln, vitaminangereicherten Lebensmitteln und
Nahrungsergänzungsmitteln zusammen. Diese Werte liegen aber so hoch, dass die niedrigen Grenzen der BfR für Nahrungsergänzungsmittel noch offensichtlicher als viel zu eng wirken. Die europäischen
Werte überschreiten die deutschen Werte um ein Vielfaches oder stellen fest, dass es für bestimmte Vitamine überhaupt keine obere Zufuhrgrenze gibt. Keine der Zeitungen, die meist unisono gegen
Vitamine wettern, hat darüber berichtet. Dabei wird hier die zentrale Frage eines jeden Verbrauchers beantwortet: „Kann ich mit meinen Produkten in einen Überdosierungsbereich kommen?" Die DGE
entmythologisiert damit endlich das Thema der Überdosierung und stellt es auf ein vernünftiges Zahlenwerk.
Neue Obergrenzen geben Entwarnung
Was bedeuten die europäischen Obergrenzen konkret? Für die Vitamine B1, B2, B5, B7 und K konnten trotz emsiger Auswertung der Forschungsberichte keine Obergrenzen festgelegt werden. Für andere Vitamine liegt die Grenze so hoch, dass eine Überdosierung mit deutschen Produkten praktisch nicht möglich ist. Fast alle Vitaminprodukte in Deutschland enthalten als oberstes Maximum den dreifachen täglichen Minimalbedarf. Das liegt an den gesetzlichen Vorgaben. Brüssel wird demnächst aber auch hierzu eine Entscheidung fällen. Nehmen wir als ein Beispiel für eine Obergrenze das Vitamin B3. Sie können nach der europäischen Richtlinie 56-mal den Minimalbedarf der DGE in Form von Vitamin-B3 (Nicotinamid) zuführen, bevor Sie an die Obergrenze stoßen. Das macht natürlich niemand. Das wären nämlich je nach Dosierung des Vitaminprodukts 1-2 Monatspackungen pro Tag. Sie müssten sich also täglich und über einen längeren Zeitraum in einem Anfall von Bulimie auf diese Packungen werfen.
Risikofaktor Vitaminmangel
Die vorsorglichen Beamten des BfR haben bisher schon ab der zweiten Vitaminpille, in der Vitamin B3 mit dem einfachen Minimum enthalten war, die rote Fahne gehisst und vor den gefährlichen
Nebenwirkungen gewarnt. Viele Verbraucher sind durch die Übervorsicht des Bundesinstituts so irritiert, dass Sie Vitaminprodukte von der Einkaufsliste gestrichen haben. Wie könnte man auch an
einer staatlichen Behörde zweifeln. Andersherum aber müsste durchaus die Frage erlaubt sein, wie viele Schlaganfälle aufgrund Folsäuremangels, der aus Vitamin- angst nicht ausgeglichen wurde, den
Beamten des BfR zuzuschreiben sind. Ähnliches ließe sich für die B-Vitamingruppe und bestimmte Krebsarten oder Todesfälle durch Knochenbrüche im Alter wegen nicht ausgeglichenen Vitamin-D-Mangels
beleuchten. Europa-Behörden mögen nicht jedem gefallen, aber es zeigt sich immer wieder, dass nationale Engstirnigkeit durch Richtlinien aus Brüssel aufgesprengt wird. Die höheren Obergrenzen
vertrete ich seit nunmehr 10 Jahren in meinem Buch Risikofaktor Vitaminmangel, schreibt Andreas Jopp (Medizinjournalist - gilt als einer der
bekanntesten Ernährungs- und Anti-Aging Spezialisten im deutschprachigem Raum) in seinem Buch.
Die zentrale Aussage bleibt: Die Gefahr liegt nicht in der Möglichkeit von Vitaminüberdosierungen, sondern in der mangelnden Zufuhr von Vitaminen und der
dadurch ansteigenden Häufigkeit bestimmter Erkrankungen.
|
Vitamin |
DGE Minimum Zufuhr. Beispielhaft für Männer zwischen 25-51 Jahren |
Oberer sicherer Bereich nach EFSA |
Überschreitung möglich um das x-fache |
Nationaler Alleingang des BfR. Obere Grenze für Nahrungser-gänzungsmittel (3) |
|
Fettlösliche Vitamine |
||||
|
A |
1000ug |
3000ug |
3-fache |
400ug |
|
D |
5ug |
50ug |
10-fache |
5ug |
|
E |
14mg |
300mg |
21-fache |
15mg |
|
Beta Carotin |
2mg |
Zu wenige Daten |
|
2mg |
|
Wasserlösliche |
||||
|
Vitamin C |
100mg |
Keine Obergrenze definiert (D-A-CH Referenzwerte geben 1000mg als Obergrenze an) |
20-fache |
225mg |
|
B1 |
1,2mg |
Keine Obergrenze |
Ohne nachteilige Effekte bei hohen Zufuhrmengen (1) |
4mg |
|
B2 |
1,4mg |
Keine Obergrenze |
Ohne nachteilige Effekte bei hohen Zufuhrmengen (1) |
4,4mg |
|
B3 |
16mg |
Nicotinamid 900mg Nicotinsäure 10mg |
56-fache |
17mg |
|
B5 (Panthothensäure) |
6mg |
Keine Obergrenze |
Die regelmäßige Zufuhr auch hoher Mengen Panthothensäure gilt als sicher (2) |
180mg |
|
B6 |
1,5mg |
25mg |
4,6-fache |
5,4mg |
|
B7 (Biotin) |
- |
Keine Obergrenze |
Ohne nachteilige Effekte bei hohen Zufuhrmengen (1) |
18mg |
|
B9 (Folsäure) |
400ug |
1000ug |
2,5-fache |
400ug |
|
B12 |
3ug |
Bis 5000ug konnten keine nachteiligen Wirkungen festgestellt werden |
555-1666-fache |
3-9ug |
Quellen:
1. DGE Intern, Presseinformation der DGE, 18.11.2008.
2. Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr. Umschau Verlag, 2008.
3. Großklaus et al. Verwendung von Vitaminen in Lebensmitteln. BfR, 2004.
4. Risikofaktor Vitaminmangel - ISBN 3-8304-2077-3
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